Interview mit Jutta Schulz – Ein farbenfroher Vorruhestand
Kursgeschichte Jutta Schulz
Foto: Ansgar Wilkendorf
Inzwischen hat Jutta Schulz schon die ersten Aufträge angenommen. „Meine Tochter wollte ein Bild mit sechs hellbraunen Hühnern verschenken. Die sollten genauso aussehen wie die Hühner einer Freundin“, erzählt sie. Der zweite Auftrag war dann noch kniffliger: alternative Bremer Stadtmusikanten. Ein Stier, ein Esel, ein Koalabär und eine Schildkröte in Regenbogenfarben. Ihr neues Hobby im Vorruhestand spricht sich herum. Die 64-Jährige hat Spaß an Acrylmalerei. Sie malt Tiere und Gebäude, in der Regel sehr bunt. So heißt ihr Kunstprofil bei Instagram „Jutta in Farbe“. Und wer sie zu Hause besucht, der freut sich über einen gutmütigen Stier mit achtfarbigem Fell, eine Giraffe, die gerade Blätter frisst, Esel, Nashörner, Pferde, eine Elefantenfamilie und farbenfrohe Häuser bei Tag und Nacht. Viele Wände sind inzwischen mit eigenen Werken gestaltet.
Jutta Schulz hat bei der Stadt Wolfsburg gearbeitet. Die Diplom-Verwaltungswirtin war Haushaltssachbearbeiterin im Grünflächenamt und stellvertretende Leiterin der Verwaltungsstelle Fallersleben. „Der schönste Part war das Standesamt. Ich habe rund 100 Paare unter die Haube gebracht“, erzählt sie. „Unser Großkampftag war der 9.9.99.“ Im Jahr 2001 wechselte sie dann zur Volkshochschule – und leitete zunächst den Kundenservice der damaligen gemeinnützigen GmbH. Zu ihren Aufgaben gehörten neben der Koordination von Kursanmeldungen auch die Erstellung der Dienstpläne für die Hausmeister sowie die Raumplanung. Einige Jahre später organisierte sie dann als Abteilungsleiterin Maßnahmen für arbeitslose Jugendliche und Erwachsene. „Interessant war zum Beispiel eine Qualifizierung von Frauen zur Busfahrerin, finanziert von der ARGE.“ In der letzten Phase ihres Berufslebens baute sie schließlich als Abteilungsleiterin das telefonische Servicecenter der Stadt Wolfsburg auf. 23 Mitarbeiter*innen sind dort mittlerweile beschäftigt.
Ein schöner Teil des Vorruhestandes seit dem Sommer 2025 ist nun die Zeit mit ihrem Mann, den beiden Kindern, ihren vier Enkelkindern sowie Labrador Bolle. Otterzentrum, Phaeno, Tierpark Essehof, Radtouren im Drömling, buddeln im Sand: Die Wochen sind voller Abenteuer. „Dazu teste ich aus, wie ich die weitere Zeit gut füllen könnte“, erzählt Jutta Schulz. So schreibt sie zum Beispiel auch fürs Seniorenjournal. „Alle 14 Tage treffen wir uns zum Brainstorming, geleitet vom Journalisten Hans Karweik von den Wolfsburger Nachrichten.“ In einer Auflage von 20.000 Exemplaren werden ihre Berichte, Interviews und Glossen dann verbreitet. Sie stellte zum Beispiel eine Vorsfelder Theatergruppe vor, berichtete über die Palliativstation im Klinikum, erzählte über Urlaube mit dem Wohnmobil und gab Ausflugstipps rund um den Allersee. Auch ein anderer Kurs war für sie interessant: über die Nutzung von ChatGPT und anderen KI-Chatbots. Zudem besucht sie bereits seit gut zehn Jahren einen Yoga-Kurs. Die Volkshochschule sieht sie also häufig.
Am meisten gepackt hat sie nun indes die Acrylmalerei. „In der Schule hatte ich Kunst als Leistungskurs, aber dann nie etwas daraus gemacht. Mein Vater sagte: Apotheke oder Beamtin, das sind die sicheren Jobs. Jetzt habe ich die Malerei wiederentdeckt, und es macht mir so viel Spaß…“ Zunächst malte sie Motive nach: bunte Kühe. Dann nutzte sie eigene Fotos als Vorlage. „Im Lauf der Zeit wird man immer lockerer und mutiger. Man verändert den Hintergrund, Formen, Farben oder den Ausdruck von böse bis freundlich. Eriena, unsere Kursleiterin, gibt dazu Tipps. Etwa: Wie mischt man eine Hautfarbe? Wie teilt man ein Bild idealerweise auf? Oder: Welche Effekte kann man mit einem Spachtel erzielen? Wie gestaltet man mit Strukturpaste einen körnigen Untergrund?“
Im Kurs sind neun Frauen und ein Mann. „Eine ganz tolle Truppe. Alle bringen Motive mit. Eriena sorgt dazu für Anregungen. Sie stellt zum Beispiel ein Milchkännchen in die Mitte, das dann alle im eigenen Stil malen. Zwischendurch geht man herum, kommentiert und freut sich über die Werke der anderen.“ Inzwischen hat sich Jutta Schulz zu Hause im ehemaligen Kinderzimmer ein kleines Atelier eingerichtet, inklusive Lochwänden am Maltisch fürs Zubehör. „Oft bin ich richtig im Flow“, erzählt sie. „Dann höre und sehe ich nichts anderes und male – gern mit Musik, gern mit einem Glas Wein.“ So plant sie nun, auch Aquarellmalerei auszuprobieren. Sie ist im neuen Lebensabschnitt angekommen.