„So würde ich gern selbst malen können“: Das war der erste Gedanke von Beate Herzog-Fietze, als sie bei einem Urlaub an der Küste drei Möwen sah – im Schaufenster eines Kunsthandels. „Drei Vögel saßen zugewandt auf Pollern am Wasser. Es wirkte, als würden sie sich unterhalten. Eine Möwe hielt den Kopf schief. Man sah genau, welche Empfindungen sie haben. Ich dachte: Toll, was man mit Kunst ausdrücken kann“, erzählt die Vorsfelderin.
Als Kind malte sie einst viel mit Buntstiften oder Tusche: „Bäume, Pilze und Wiese – immer wieder dieses Bild. Ich habe das geliebt“, so die heute 64-Jährige. Später hatte sie in der Schule Kunst als Leistungskurs. Und es gab so einige kreative Erfolgserlebnisse. Ihr DIN A3-Konzertplakat von Elvis Presley etwa begeisterte die Kunstlehrerin so sehr, dass sie sagte: „Das hängen wir in die Aula.“ Da hing es dann monatelang, als einziges Werk. „In der Oberstufe faszinierte mich zum Beispiel die Wirkung von Schatten und Mimik in der Porträtfotografie. Wir entwickelten die Bilder dann selbst in einem Fotolabor.“ Nach dem Abitur verlor das kreative Gestalten indes an Bedeutung. „Ich habe einige Jahre getöpfert und auch mal einen italienischen Kochkurs an der VHS belegt, mit eigener Nudelherstellung und ganz tollen Rezepten, aber für viel mehr blieb keine Zeit“, so Beate Herzog-Fietze.
Das änderten nun der Ruhestand und die drei pfiffigen Möwen. Bereits im fünften Semester hat sie nun großen Spaß daran, an der Volkshochschule Aquarelltechniken zu erlernen, zu verfeinern und einen eigenen Stil zu entwickeln. „Zunächst habe ich drei Zeichenkurse besucht. Ich wollte wissen: Wie wird eine Kugel mit Schatten gemalt? Wie gestaltet man Perspektiven mit einer Horizontlinie und Fluchtpunkten? Wie lässt sich ein Motiv reizvoll aufbauen? Mit welchen landschaftlichen Eigenschaften können bestimmte Stimmungen im Bild erzeugt werden? Dabei stellte ich fest: Es ist gar nicht so einfach, aus dem Gedächtnis heraus eine Landschaft zu malen. Bei der Rekonstruktion halfen dann Bilder. Ich lernte Schritt für Schritt. Genau hinzusehen, das wurde in den Kursen trainiert.“
Auch ihr Start mit Aquarellmalerei war dann herausfordernd. „Die Farben haben durch die Wasserzugabe sehr gute Fließeigenschaften. Richtig mit ihnen umzugehen, das brauchte seine Zeit. Ich habe nicht nur viel von unserer Dozentin gelernt, sondern auch sehr viel von den anderen im Kurs. Zum Schluss jedes Treffens stehen alle Werke nebeneinander auf einer Wandleiste, und wir schauen sie zusammen an. Es gibt immer einen intensiven Austausch und gute Tipps. Die Altersspanne im Kurs reicht von Ende 30 bis hin zu einer 85-jährigen Dame. Sie malt bereits seit 28 Jahren und ist für den Kurs eine große Bereicherung.“
In der Regel malen alle dasselbe Motiv, inspiriert durch Vorlagen. „Dann heißt es: Setzt das mal um. Zum Schluss stehen zwölf völlig unterschiedliche Bilder nebeneinander. Jeder hat das Thema individuell interpretiert. Die Aquarellbilder sind so verschieden, wie die Menschen verschieden sind.“
Am Maltisch, den Beate Herzog-Fietze zu Hause eingerichtet hat, zeigt sie uns einige ihrer stimmungsvollen Werke: darunter ein Leuchtturm, eine Cappuccino-Tasse und ineinander gestapelte rostige Eimer. Da zeigt sich auch, wie das Ausdrucksspektrum immer weiter wächst: von zarten, lichtdurchlässigen Lasuren bis hin zu expressiven, fließenden Farbexplosionen. Neben Techniken wie Nass in Nass, Lavieren, Kratzen oder Spritzen werden im Kurs auch kunsthistorische Malstile vorgestellt, etwa der Pointillismus: viele winzige Punkte nebeneinander, die ein großes Ganzes ergeben.
Seit April kann nun auch die breite Öffentlichkeit Beate Herzog-Fietzes Werke anschauen. Drei Kursteilnehmerinnen – neben ihr Julia Kloster und Ursula Riechers – präsentieren im Restaurant Tannenhof rund 40 Arbeiten: Sommerimpressionen mit lichtdurchfluteten Naturmotiven oder Meeresstimmung. So sind nun 16 ihrer Motive erstmals gerahmt und werden sicher anschließend zu Hause schön in Szene gesetzt. „Inzwischen war ich mit meinen Freundinnen im Tannenhof essen. Als andere Gäste mitbekamen, dass ich eine der Ausstellerinnen bin, gab es nette Rückmeldungen. Einige sagten: ‚Das sind ja so schöne Bilder‘“, erzählt Beate Herzog-Fietze. „Über solche Resonanz freut man sich natürlich.“ Vielleicht regt ja eines ihrer Motive nun auch jemanden an, einen VHS-Malkurs zu besuchen.
Das Möwengespräch, mit dem bei ihr alles begann, hat die Wolfsburgerin übrigens noch nicht selbst gemalt. „Aber das mache ich noch. Eine einzelne Möwe ist schon fertig.“