Interview mit Stanislav Holovatyi – Arbeit, VHS-Kurs und Familie
Kursgeschichte mit Stanislav Holovatyi
Foto: Ansgar Wilkendorf
Fünf Stunden Schlaf pro Nacht: Mehr ließ sich neun Monate lang nicht unterbringen. Morgens um sieben Uhr begann der Arbeitstag von Stanislav Holovatyi – als Ingenieur im Bauamt einer Samtgemeinde. Der 40-Jährige hatte vereinbart, nicht die angebotene Vollzeitstelle anzunehmen. Er wollte gern 25 Stunden pro Woche arbeiten. Das ermöglichte dem gebürtigen Ukrainer, sein Deutsch weiter zu verbessern. Um 12 Uhr startete jeweils der vierstündige Berufssprachkurs B2 an der Volkshochschule.
„Zu Hause habe ich dann meistens von 22 bis ein Uhr das Gelernte wiederholt. Unsere Lehrerin sagte einige Male: Wer nicht drei bis vier Stunden lang Hausaufgaben macht, wird es schwer bei der Prüfung haben. Der B2-Kurs war deutlich anspruchsvoller als der Kurs im Niveau B1“, erzählt er.
Seine Frau und er waren gerade zum zweiten Mal Eltern geworden. Zu Hause gab es viel Trubel. So war es immer schon Nacht, wenn er den Laptop zur Seite legte. Herausfordernde Tage. Aber es hat sich gelohnt. Seit der bestandenen Prüfung Ende September 2025 arbeitet er nun in Vollzeit als Bauingenieur. Stanislav Holovatyi ist in Dnipro aufgewachsen, der viertgrößten Stadt der Ukraine. In der Millionenstadt arbeitete er als Ingenieur und Bauleiter im Hoch- und Tiefbau sowie zuletzt als Hauptingenieur in einem großen Bauunternehmen. „Es gab immer 12 bis 15 große Projekte gleichzeitig, zum Beispiel den Neu- oder Umbau von Kindertagesstätten, Schulen, Kliniken und großen Sporthallen. Gerade hatte die Planung eines Stadions für 10.000 Besucher begonnen“, berichtet er. Aber infolge des russischen Angriffskriegs wurde einige Monate lang kein Gehalt mehr ausgezahlt. „Es gab keine Perspektive für uns.“ Im Oktober 2022 entschloss er sich, zusammen mit seiner alleinstehenden körperbehinderten Mutter nach Deutschland zu fliehen. Seine Frau und ihre Tochter hatten bereits im April Kontakt zu guten Bekannten in Wolfsburg aufgenommen – und im Juni eine eigene Wohnung gefunden. Dort, zentral in der Innenstadt, wohnten sie dann zu viert.
Stanislav Holovatyi wollte gern weiter in dem Beruf arbeiten, in dem er zwölf Jahre lang Erfahrung gesammelt hatte. Wichtig, um voranzukommen, war dabei auch die deutsche Sprache. „In den ersten Monaten habe ich Englisch gesprochen und mit der App Duolingo Deutsch geübt. Dann habe ich an drei Sprachschulen Deutsch gelernt, bis zum B1-Niveau.“ Parallel begann er, in einer Straßenbaufirma zu arbeiten, zunächst als Praktikant, später in einem Minijob in der Abteilung Abrechnung.
Als er bei der Ingenieurkammer Niedersachsen seinen ukrainischen Ingenieurstitel anerkennen ließ, erfuhr er dann von „IQ – Integration durch Qualifizierung“. Das Förderprogramm qualifiziert und begleitet Ingenieur*innen mit ausländischen Abschlüssen bis zum Berufseinstieg – mit dem Ziel, den Fachkräftemangel zu reduzieren. Ab November 2023 absolvierte Stanislav Holovatyi im Projekt fachbezogene Qualifizierungen und lernte die deutsche Planung und Bauausführung kennen. Die Unterstützung und seine guten Deutschkenntnisse ebneten dann den Weg ins Bauamt einer Samtgemeinde im Landkreis Gifhorn. Eine gut geteerte Straße sozusagen.
Der erfolgreich abgeschlossene VHS-Berufssprachkurs B2 gibt nun zusätzliche Sicherheit. In unserem gut einstündigen Gespräch erzählt er detailliert auf Deutsch – ganz locker, mit Pointen zwischendurch. Frei zu erzählen, das wurde im Kurs ausgiebig geübt, im Zweiergespräch mit regelmäßig wechselnden Kursteilnehmern. „Wir haben nicht nur Grammatik, Nomen-Verb-Verbindungen und das Schreiben langer Texte geübt, sondern auch viele praktische Situationen aus dem Berufsleben. Themen waren zum Beispiel Bewerbungen, E-Mails schreiben, Besprechungen oder die Kommunikation am Arbeitsplatz. Wir haben auch Beschwerdebriefe beantwortet, mit Abwägungen wie einerseits, andererseits und Überleitungen mit Wörtern wie stattdessen.“ Die Vermittlung der Sprache war sehr abwechslungsreich – auch mal spielerisch. „Einige Male haben wir aus rund 30 Zetteln mit Wörtern sinnvolle Sätze gebildet – in zwei Gruppen, um die Wette.“ Eine Bekannte hatte ihm die Lehrerin Eirini Dimisianou empfohlen. „Ich wollte deshalb genau mit ihr üben und lernen. Ich hatte in Deutschland schon sieben Sprachlehrer*innen. Bei ihr hat es mir am besten gefallen.“
Inzwischen hat Stanislav Holovatyi nun wieder etwas mehr Freizeit. Er ist regelmäßig im Fitnessstudio und geht gern mit der Familie spazieren. Seine Kinder haben in Wolfsburg schon Lieblingsplätze. Tochter Kira (12) macht einen K-Pop-Tanzkurs, und Sohn Leon (2) ist am liebsten vor der City-Galerie, in der großen Sandkiste.