Interview mit Maria del Rocio Carbajal Bodenburg – Spanisch lernen mit allen Sinnen
Kursgeschichte Rocio Carbajal Bodenburg
Foto: Ansgar Wilkendorf
Denkt sie an ihre Anfänge mit der deutschen Sprache, erzählt Rocio Carbajal Bodenburg, wie sie einst das Verb „wollen“ konjugierte: Ich wolle, du wollst, er wolle. „Mein Mann kommentierte: ‚Hast du einen Pullover gestrickt mit der ganzen Wolle?‘ In den ersten Monaten habe ich nur Bahnhof verstanden. Aber es war lustig, und ich war immer dabei“, so die 71-Jährige. Seit Langem spricht die gebürtige Mexikanerin nun packend und lebhaft Deutsch, mit umgangssprachlichen Ausrufen wie „Aber Hallo“. So macht es viel Spaß, bei ihr die moderne spanische Umgangssprache zu lernen.
In ihren VHS-Sprachkursen wird häufig spontan erzählt: Wie war das Wochenende? Welche Erinnerungen hast du an deine Großeltern? Was hast du gern in deiner Kindheit gemacht? Was möchtest du mal erfinden? Oder es wird über Erlebnisse in den 21 spanischsprachigen Ländern der Welt gesprochen – oder über Gewohnheiten, Essen und Tiere. „Ich fragte mal: Welches Tier würdest du gern sein? Jemand antwortete auf Spanisch: ‚Ein Vogel, dann würde ich mir viele Länder anschauen.‘ Wenn du so interessant erzählst, dann bist du nicht mehr auf dein Lehrbuch fixiert.“
Rocio Carbajal Bodenburg ist in Puebla geboren und aufgewachsen. In Deutschland lebt sie nun seit 1976. Ihr Mann ist Braunschweiger. Die beiden lernten sich kennen, als der Maschinenschlosser in Mexiko für VW arbeitete. Sie war in dieser Zeit Dolmetscherin in einem Büro für die Zollabwicklung. In den 1980er-Jahren arbeitete sie dann auch in Deutschland für VW: als Dolmetscherin für spanische Mitarbeiter*innen in Wolfsburg sowie für spanische Zulieferer. Die Mutter von zwei Töchtern begleitete auch Wirtschaftsdelegationen aus Puebla. In den 1990er-Jahren brachte sie schließlich Teams von VW Financial Services Spanisch bei.
Zur VHS kam sie zunächst aus Hilfsbereitschaft. Eine Freundin, die Spanisch lehrte, bat sie 1983, sie einmalig zu vertreten. „Es war ein Abenteuer. Ich habe geschwitzt. Nach der Stunde dachte ich: Ich komme nicht wieder“, erinnert sie sich. Aber Fortbildungen in Didaktik änderten die Lage. „Manche lernen am schnellsten visuell, manche am besten durch Hören oder Schreiben, manche durch Austausch. In meinen Kursen spreche ich deshalb alle Sinne an. Wir machen zum Beispiel auch Rollenspiele: beim Einkaufen, bei der Arbeit oder in Restaurants.“ Die Altersspanne der entspannt lernenden Kursteilnehmer*innen reicht aktuell von 20 bis 70 Jahren.
Nicht zuletzt durch ihre aufgeschlossene Art hat sich Rocio (ihr Vorname heißt übersetzt Morgentau) in Deutschland schnell zu Hause gefühlt. Sie pflegt aber auch die lateinamerikanische Kultur. 2006 gründete sie in Wolfsburg den Mexikanisch-Hispano-Deutschen Kulturkreis. 2026, große Ehre, wurde er vom Kongress von Mexiko-Stadt anerkannt – als einer von nur 52 Vereinen europaweit. Der Verein berät, informiert und organisiert Konzerte, Vorträge und Feste. Ein Höhepunkt ist jährlich an Allerheiligen die Feier des „Diá de los Muertos“ in der VHS. Auf einem Altar werden Totenköpfe, Fotos und Gegenstände präsentiert, die an die Verstorbenen erinnern. Die Dekoration soll ihre Seelen in die Gegenwart zurückbringen. Der Glaube besagt, dass die Verstorbenen an diesem Tag den Lebenden einen Besuch abstatten. Beim fröhlichen Fest mit bunten Farben stehen Lieblingsspeisen auf dem Tisch. Es gibt Musik, kurze Filme und Tanzvorführungen. Ein Erlebnis. „In Mexiko wird der Weg vom Friedhof nach Hause mit Blüten dekoriert, damit die Toten nach Hause finden“, berichtet Rocio Carbajal Bodenburg, die bereits seit 1983 Kulturveranstaltungen in der VHS organisiert.
Zu Hause bei ihr in Lehre sieht man auch ihre Wurzeln. Dort liegt zum Beispiel ein Azteken-Kalender als dekorativer Rundteppich. Aber alles sehr dosiert. „Ein Haus ist kein Museum“, sagt sie. Ihre Kindheit und Jugend bringt sie uns durch viele Fotos und Geschichten nah: über die vielfältigen Zuwanderungen und Abstammungen. Eine ihrer Schwestern etwa, die heute in Nizza wohnt, war verheiratet mit dem Urenkel eines Herzogs von Sachsen-Coburg.
Mit ihr ist man schnell vertraut. Das spiegelt sich auch in den Sprachkursen wider. „Alle total nett, alle so offen, alle mögen sich. Zum Abschluss eines Kurses treffen wir uns noch einmal zusammen zum Essen“, erzählt sie. Wie geht sie selbst aus einer Kursstunde heraus? „Wir haben alle Freude, dass der Kurs stattgefunden hat. Ich selbst bin enthusiastisch. Die Lust, Spanisch zu lernen, macht mich glücklich.“