Kursgeschichte Dirk Ohse

Foto: Ansgar Wilkendorf

„Herr Ohse, wir haben ein Problem. Ich kann das überhaupt nicht. Ich habe in Mathe immer eine Fünf gehabt.“ So stellte sich einmal eine Schülerin Anfang 30 vor, die auf dem Zweiten Bildungsweg ihren Hauptschulabschluss nachholte. Dirk Ohse sah darin indes kein Problem. „Ich versprach: Wenn Sie aufpassen, lernen, wie wir es Ihnen sagen und alle Aufgaben zu Hause noch mal durchrechnen, dann kommen Sie gut durch“, erzählt er. Die Schülerin schrieb alle Merksätze auf, die in roten Wolken an der Tafel standen. Ohse-Chroniken nannte sie ihre Sammlung. Sie strengte sich an. Und beendete den Hauptschulkurs als Beste. Gleich im Anschluss schloss sie den Realschulkurs erfolgreich ab – auch als Beste. Inzwischen lässt sie sich zur Pflegefachfrau ausbilden.

„Wir begleiten Sie und lassen Sie auch in persönlichen schwierigen Lagen nicht allein“: Das ist die Devise der VHS Wolfsburg auf dem Zweiten Bildungsweg. „Bei uns sitzen zum Beispiel Schüler*innen, die spielsüchtig oder drogenabhängig waren; Schulverweigerer, die häufig geschwänzt haben oder Menschen mit Fluchterfahrung. Das sind knallharte Sachen, die sie erlebt haben. Auf der Fahrt nach Hause gehen mir oft noch Gespräche durch den Kopf“, berichtet Dirk Ohse, der an der VHS Wolfsburg Mathe und Physik unterrichtet. So gehört neben den Lehrenden verschiedener Fächer auch eine Sozialpädagogin mit zum Team. Sie sucht zum Beispiel auch das Gespräch, wenn jemand oft stark verspätet oder gar nicht zum Unterricht kommt.

Um in den kleinen Gruppen für eine angenehme Lernatmosphäre zu sorgen, hat Dirk Ohse eine klare Regel: „Jeder darf Fragen stellen, so viel er möchte. Keiner lacht. Lacht jemand, dann stelle ich Fragen.“ Den Stoff vermittelt der 58-Jährige so locker wie möglich. „In einer Stunde fotografierte der Kurs zum Beispiel geometrische Figuren in der Innenstadt. Deren Flächen haben wir dann mit geschätzten Maßen berechnet. Wir haben auch mal die VHS vermessen, mit Maßband und Laser-Entfernungsmesser.“ Zwischendurch erzählt er gern zum Stoff passende Geschichten, etwa über den Mathematiker Carl Friedrich Gauß und dessen innovative Lösungsstrategien. Dazu zeigt er dann eigene Fotos, zum Beispiel von der Tafel am ehemaligen Helmstedter Wohnhaus des Universalgelehrten oder vom Denkmal am Braunschweiger Gaußberg.

Sehr positive Rückmeldungen gab es auch mal zu einer fächerübergreifenden Projektwoche. Alle Lehrenden widmeten sich dem Thema Kakao, mit Aspekten aus Wirtschaft, Geschichte, Erdkunde und Biologie. In Mathe wurden zum Beispiel aus Schaubildern Kreis- und Balkendiagramme erstellt und ausgewertet. Dazu sorgten die Lehrerteams für kostenlose Schokolade und Kakao.

In seinem Lehramtsstudium von Mathe und Physik hat Dirk Ohse als viertes Fach Psychologie belegt. „Das kommt einem zugute. Man findet immer wieder Zugänge. Ich vermittle zum Beispiel auch effektive Lerntechniken und gebe Tipps fürs Leben mit. Manchmal hat der Kurs auch den Eindruck, es wird locker geplaudert, und zum Schluss bilanziere ich, was wir dabei gelernt haben. Die Altersbestimmung der Gletschermumie Ötzi durch die Radiokarbonmethode, das ist zum Beispiel Atomphysik.“

In der letzten Stunde vor den Ferien erkundet er stets mit dem Kurs den Planetenweg im Allerpark. „Auf der Strecke entwickelt man ein Gefühl für Entfernungen. Beim Eiskaffee im Kolumbianischen Pavillon erzählen wir dann über Planeten und auch mal über Kummer und Sorgen.“

Motivieren. Unterstützen. Unterhaltsam Wissen vermitteln: Das ist seine Strategie. „Das Schlimmste ist, wenn jemand sagt: ‚Mathe ist ein Angstfach.‘ Dann sage ich: ‚Man muss keine Angst haben. Mathe hat noch nie jemanden gebissen.‘“ Kommt dann ein Ehemaliger noch einmal vorbei, erzählt, dass er nun Kfz-Mechatroniker ist und den Mathe-Stoff gut gebrauchen konnte – das ist dann Motivation für Dirk Ohse, der in seiner Freizeit u.a. ehrenamtlicher Richter am Sozialgericht Braunschweig sowie Schatzmeister im Kreisverband Helmstedt des Sozialverbandes Deutschland ist. Einprägsam war auch ein Schüler Mitte 30, der seine Internetsucht überwunden hatte und an der VHS hochmotiviert seinen Sek 1 Abschluss erwarb – und anschließend auf dem Kolleg sein Abitur machte. Er schrieb glücklich an Dirk Ohse: „Alter, ich möchte mich mal ganz fett bei dir bedanken.“

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