Die deutsche Sprache als Türöffner

Foto: Ansgar Wilkendorf

„Ich konnte nicht mit dem Stress umgehen. Ich konnte nicht mehr schlafen“, berichtet sie. Diese Entscheidung fiel ihr sehr schwer, da sie in einem neuen Land ihr Leben von Grund auf neu aufbauen musste. In Wolfsburg leben neben ihrem Neffen auch ihre Schwägerin und deren Mann. Aber sie war zuvor nur einmal im Rahmen eines Ausflugs in Berlin gewesen. „In der Schule habe ich vor 35 Jahren Deutsch gelernt, allerdings sehr unergiebig. Wir haben kaum gesprochen.“ Ihr gesamter verbliebener Wortschatz war: „Ich heiße Kateryna“, „Guten Tag“ und „Ich verstehe nur Bahnhof.“

Dank der Unterstützung fand sie sich indes recht schnell zurecht. Sie schaute sich die Autostadt, das Phaeno, den Allersee, Vorsfelde und Fallersleben an und resümierte: „Eine interessante Stadt.“ Ihre Wohnung in Innenstadt-Nähe sorgt für kurze Wege – auch zur Volkshochschule. Die VHS wurde vorübergehend zu ihrem Lebensmittelpunkt. Kateryna Berezhna besuchte zunächst einen sechsmonatigen Orientierungskurs. Dann belegte sie einen Integrationskurs mit erfolgreichem Abschluss auf dem Sprachniveau B1. Die guten Deutschkenntnisse im Sprechen, Hören, Schreiben und Lesen ebneten ihr den Weg zu einem Praktikum bei einem Wolfsburger Steuerbüro. Anschließend arbeitete sie dort ein Jahr als Buchhalterin, wobei ihre Arbeit zunächst in Teilzeit begann. Parallel besuchte sie den VHS-Berufssprachkurs B2.

Ihr Aufgabenfeld in der Ukraine vereinte die Tätigkeiten der deutschen Berufe Bilanzbuchhalterin und Steuerberaterin. Die zwei Berufe sind dort einer. „Mein ukrainischer Abschluss wird in Deutschland anerkannt. Aber ich kenne natürlich die deutschen Gesetze nicht“, erläutert sie. Da sie ihre beruflichen Kenntnisse nicht nur erweitern, sondern das deutsche Steuerrecht fundiert verstehen wollte, entschied sie sich bewusst für eine Ausbildung zur Steuerfachangestellten. Seitdem verbindet sie ihre praktische Tätigkeit im Steuerbüro mit der Ausbildung und entwickelt ihre fachlichen Kompetenzen kontinuierlich weiter.

„Übung macht den Meister“: Diese Motivation einer Lehrerin an der VHS ist für sie zum Motto geworden. „Das bedeutet für mich, niemals stehen zu bleiben. Auch Erwachsene können neue Ziele erreichen. Vor vier Jahren konnte ich kaum Deutsch sprechen. Jetzt arbeite ich hier und habe die Möglichkeit, mich beruflich weiterzuentwickeln. Dabei unterstützen mich meine Chefin sowie meine Kolleginnen und Kollegen jeden Tag. Sie sind  immer freundlich und hilfsbereit und haben mir den Einstieg sehr erleichtert. Dafür bin ich sehr dankbar.“ 

Wie erlebte sie den Berufssprachkurs B2? „Er war deutlich anspruchsvoller als der Integrationskurs. Die Texte waren komplexer, und wir mussten mehr sprechen, argumentieren und längere Texte schreiben. Im Mittelpunkt standen Themen aus dem Berufsalltag, zum Beispiel Bewerbungen, Kommunikation am Arbeitsplatz, Besprechungen, Telefonate und E-Mails – also alles, was zum Berufsleben gehört.“ Didaktisch gefiel ihr, dass der Unterricht sehr abwechslungsreich gestaltet war. „Unsere Lehrerin hat darauf geachtet, dass wir immer wieder mit anderen Kursteilnehmern zusammenarbeiten. So haben wir gelernt, mit unterschiedlichen Menschen zu kommunizieren. Das hat mir nun auch im Berufsalltag geholfen. Es wurde viel mit Lernkarten gearbeitet, wir haben Rollenspiele gemacht und viele Aufgaben in Gruppen oder zu zweit gelöst. Dazu hat unsere Lehrerin zwei digitale Padlets erstellt: mit wichtigen Grammatikregeln, Zusammenfassungen, Mustertexten und zusätzlichem Material zur Prüfungsvorbereitung. Das war eine große Hilfe.“ Alle Lehrenden betonten dabei: Wichtig ist, neue Inhalte regelmäßig zu wiederholen. „Deshalb habe ich zu Hause täglich mindestens drei bis vier Stunden gelernt.“

Die Kombination aus gutem Unterricht und eigener Arbeit: Das führte zum Erfolg, so Kateryna Berezhna. „Eine Sprache lernt man nicht an einem Tag. Schritt für Schritt kommt man ans Ziel.“ Zum Schluss erzählt sie uns von einem großen Moment auf ihrem Weg: „Irgendwann kam der Tag, an dem ich meinem Neffen berichtete: Ich habe heute alles allein erledigt“, erinnert sie sich. „Er antwortete: ‚Ich bin stolz auf dich.‘

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